Wenige Momente nach dem Start von der Piste 32 bietet sich uns ein grandioser Ausblick über die erwachende Welt unter uns. Während der Flughafen Zürich und die Stadt noch in der Morgendämmerung ruhen, erglühen in der Ferne die majestätischen Alpen im ersten Sonnenlicht des Tages. Als Tor zur Schweiz verbindet der Flughafen Zürich das Land im Herzen Europas mit 200 Destinationen weltweit und damit Menschen und Kulturen.
Es gibt Momente in meinem Alltag über den Wolken, die ich besonders geniesse. Es sind Augenblicke, in denen die blosse Mechanik des Fliegens und operationelle Themen kurzzeitig in den Hintergrund treten und ich das Privileg, meinen Traumberuf ausüben zu dürfen, besonders schätze. Nebst den wunderbaren Begegnungen mit Crews und Passagieren sind es die Ausblicke und Stimmungen, die mich immer wieder faszinieren. Der Start am frühen Morgen von meiner Homebase Zürich ist ein solcher Moment. Während wir in den erwachenden Himmel steigen und die schlafende Welt unter uns zurücklassen, schweift mein Blick zu den glühenden Gipfeln der Alpen in der Ferne. Dieser Augenblick verkörpert für mich das Gefühl, das meinen beruflichen Alltag perfekt zusammenfasst: die Mischung aus Aufbruch und Verbundenheit, aus Abschied und Heimkommen. Jeder Start von den Pisten in ZRH ist gleichzeitig ein Versprechen der Rückkehr. Es ist ein Ritual, das sich hunderte Male wiederholt und doch nie seine Bedeutung verliert.
Der Aufbruch in einen neuen Tag
Es gibt etwas zutiefst Menschliches in dem Wunsch, sich vom Boden zu lösen. Seit jeher richten Menschen ihren Blick nach oben, angezogen von der Vorstellung, die Grenzen der Schwerkraft zu überwinden und den Raum zwischen Himmel und Erde zu durchqueren. Von den Mythen des Ikarus bis zu den ersten Flugpionieren zieht sich dieser Traum wie ein roter Faden durch unsere Geschichte.
Seit über fünfzehn Jahren ist mein Traum vom Fliegen Realität, und doch hat er nichts von seiner Magie verloren. Für mich ist jeder Start ein kleines Wunder – der Augenblick, wenn hunderte Tonnen Metall, Treibstoff und Menschen sich in die Luft erheben, getragen von Physik, Technik und menschlichem Können. Was für einige vielleicht zur Routine geworden ist, bleibt für mich stets ein Moment der Ehrfurcht.
Es ist jeweils noch stockdunkel, wenn ich an Tagen wie diesen zum Flughafen fahre. Die Strassen sind leer, und die Welt scheint noch zu schlafen. Angekommen im Cockpit, führen wir die Vorflugkontrollen durch und erwecken das Flugzeug zum Leben. Noch bevor die meisten Menschen aufstehen oder die Sonne aufgeht, heben wir in den neuen Tag ab. Der Moment des Abhebens hat dabei etwas Transformatives. Sobald die Räder den Kontakt zur Erde verlieren, fühlt es sich an, als würden für die Gravitation andere Regeln gelten. Plötzlich sind wir nicht mehr an die Strukturen des festen Bodens gebunden, und wir gleiten durch ein Element, das keine klaren Grenzen kennt, wo Bewegung in alle Richtungen möglich ist, wo nur die Gesetze der Physik und unsere eigenen Fähigkeiten die Grenzen setzen.
Während wir steigen, verändert sich auch das Licht. Was am Boden noch Dunkelheit war, wird in der Höhe zu einer langsam erwachenden Dämmerung. Die ersten Sonnenstrahlen erreichen die Gipfel der Alpen, tauchen sie in ein goldenes, fast unwirkliches Licht, während unten die Täler noch im Schatten liegen und die Lichtspuren die Lebensadern unserer Zivilisation offenbaren. Wir steigen dem neuen Tag entgegen und werden unter den Ersten sein, die das neue Licht empfangen.
Im Cockpit begleitet uns das sanfte Brummen der Triebwerke im Hintergrund, und der Sonnenaufgang wird zu mehr als nur einem meteorologischen Ereignis. Er wird zu einem Versprechen, zu einem Symbol für Neuanfang, für die unendlichen Möglichkeiten, die jeder Tag mit sich bringt. Den Tagesanbruch aus einer Perspektive zu erleben, die den meisten Menschen verwehrt bleibt, ist eines der Privilegien, für die ich besonders dankbar bin.
Heimat und Horizont
Als Pilot zu arbeiten bedeutet, in einem permanenten Spannungsfeld zu leben – zwischen der Sehnsucht nach Ferne und dem Bedürfnis nach Heimat, zwischen dem Drang aufzubrechen und dem Wunsch anzukommen. Meine Homebase Zürich verkörpert beides. Sie ist der Ort, von dem aus ich die Welt erkunde, und gleichzeitig der Ort, zu dem ich zurückkehre.
Die Schweiz ist klein, überschaubar, vertraut. Man kann das ganze Land in wenigen Stunden durchqueren. Und doch ist sie unendlich reich – an Landschaften, an Kulturen, an Geschichte. Von Zürich aus kann ich in 30 Minuten nach Genf fliegen und dabei zwei Sprachregionen überqueren. Ich kann die schneebedeckten Viertausender sehen und gleichzeitig die mediterran anmutenden Täler des Tessins. Diese Verdichtung, diese Vielfalt auf kleinstem Raum macht die Schweiz zu etwas Besonderem.
Und von hier aus, vom Fuss der Alpen, starten wir in die Welt. Der Flughafen Zürich verbindet über 200 Destinationen – ein dichtes Netz aus Routen, das dieses kleine Alpenland mit praktisch jedem Winkel der Erde verbindet. Es ist, als würden wir von einem festen Anker aus in alle Richtungen ausschwärmen, immer mit der Gewissheit, dass dieser Anker hält, dass wir einen Ort haben, zu dem wir gehören. Der Flughafen Zürich ist das Tor der Schweiz zur Welt. Er verbindet, heisst willkommen und schafft Möglichkeiten. Er ist Teil des Fundaments, das die Schweiz so erfolgreich macht. Wenn ich in der Ferne unterwegs bin und erzähle, dass ich aus der Schweiz komme, erfahre ich von Fremden oft, welchen Ruf die Schweiz in der Welt geniesst: präzise, zuverlässig, schön, sicher. Es erfüllt mich mit Stolz, dieses Land mein Zuhause nennen zu dürfen und die Welt damit zu verbinden.
Die Alpen sind für mich ein Symbol der Beständigkeit in einer Welt der Bewegung. Während wir in wenigen Stunden und mit über 800 Kilometern pro Stunde durch die Luft rasen und dabei mühelos Zeitzonen und Kontinente überwinden, bleiben die Berge, wo sie sind. Sie markieren meine Heimat und den Ort, zu dem ich immer wieder zurückkehren werde. Egal, wie weit mich die Flüge tragen – ob nach Singapur oder São Paulo, nach New York oder London – der Augenblick, wenn die Alpen beim Rückflug am Horizont auftauchen, bedeutet für mich Heimkommen.
About the Image
Das Titelbild meiner 2026er-Edition fängt diesen magischen Moment zwischen Aufbruch und Verbundenheit ein. Kurz nach dem Start von der Piste 32 blicken wir zurück auf unseren Startpunkt. Während die Stadt noch schläft und die Alpen in der Ferne bereits im ersten Licht des Tages erglühen, wird sichtbar, was diesen Ort so besonders macht: die einzigartige Lage zwischen Mittelland und Bergen, zwischen Alltag und Abenteuer, zwischen Heimat und Horizont. Es ist ein Bild vom Aufbruch in einen neuen Tag, aufgenommen in jenem flüchtigen Moment, wo die Nacht dem Morgen weicht und alles möglich scheint.
Aufgenommen mit einer Canon EOS R5 + Sigma 35mm F1.4 DG HSM Art, ISO 6400, f/1.6, 1/100 sek.
Über "Behind the Image"
In meinem Fotokalender "Up in the Sky" gewähre ich faszinierende Einblicke in meinen Alltag als Linienpilot. Diese Blogserie ergänzt den Fotokalender und erzählt die Geschichte hinter dem Moment, in dem das Bild aufgenommen wurde. Zudem bietet sie Hintergrundinformationen darüber, was sich im Cockpit ereignet hat und wie das Bild entstanden ist.

Kommentar schreiben