Behind the Image: Sailing above Sand (D)

Auf dem Heimweg von Johannesburg geniessen wir einen atemberaubende Sonnenaufgang über der Sahara-Wüste. Die ersten Sonnenstrahlen des neuen Tages werfen einen goldenen Schimmer über die scheinbar endlosen Dünen und enthüllen eine schroffe Schönheit inmitten einer verlassenen und unwirtlichen Umgebung. Trotz der faszinierenden Kulisse liegt der Fokus im Cockpit auf dem Flugmanagement um diese abgelegene Region sicher zu durchqueren. Dafür benötigt es ein eingespieltes Zusammenspiel von Technologie und Erfahrung der Piloten.

 

Vielleicht war es der Duft einer dampfenden Tasse Kaffee die von einer Flight Attendant zu einem Gast in der Sitzreihe hinter mir gebracht wurde oder vielleicht mein "innerer Wecker", der mir flüsterte, dass jenseits des Sonnenblends ein lebendiger Sonnenaufgang wartet. Ich geniesse den Flug als Passagier, lasse meinen Blick über den unendlichen Horizont der Sahara schweifen und schwelge in Erinnerungen aus meiner Zeit als Langstreckenpilot. Auf dem Weg zu fernen Metropolen überflog ich mir gänzlich unbekannte Länder, durchquerte Regionen, die fast menschenleer schienen. Ein solche Region ist sicherlich die Sahara die sich nördlich des Äquators mit ihrem beinahe unendlichen Labyrinth an Dünen über die gesamte Breite Nordafrikas erstreckt. Vom Atlantik bis zu den Ufern des Roten Meeres und des Indischen Ozeans breitet sich diese gewaltige Wüste aus. Es ist sicherlich ein Irrtum die Sahara als ein ganz grosser Sandhaufen zu bezeichnen. Dieser unwirkliche Ort ist ein Geflecht der Vielfalt, das sich über Millionen von Quadratkilometern im Norden Afrikas erstreckt. So stehen Berge Wache, alte Vulkane schlummern anmutig, Salzebenen erstrecken sich wie glänzende Spiegel und weite Ebenen laden mit stiller Erhabenheit ein. Inmitten dieses bezaubernden Panoramas tanzen die berühmten Sanddünen, ein ständig wechselndes Ballett, choreografiert von der beharrlichen Streicheleinheit der warmen Passatwinde, die dieses flüchtige Meisterwerke aus goldenem Sand formen.

 

Die ersten Strahlen des neuen Tages erhellen die weite Fläche und enthüllen unter mir eine schroffe Schönheit inmitten einer verlassenen und unwirtlichen Umgebung. Während meine Augen sich am faszinierenden Ausblick kaum sattsehen können, schweifen meine Gedanken ins Cockpit, wo das Fliegen über solch abgelegene Gebiete einzigartige Herausforderungen für Piloten birgt. Im Gegensatz zu dicht besiedelten Regionen mit gut etablierten Flugverkehrskontrollsystemen fehlen in entlegenen Gebieten oft bodengestützte Navigationshilfen. Umso mehr müssen die Piloten ausgezeichnet ausgebildet sein und einen breiten Erfahrungsschatz haben um diese Regionen sicher zu durchfliegen.

Navigation durchs Nirgendwo

Zu Beginn meiner Pilotenausbildung lernte ich anhand visueller Referenzen zu navigieren. Dazu galt es einen Flugplan erstellen, der sich aus visuellen Orientierungspunkten wie Strassen, Seen oder Ortschaften zusammensetzte. Ich flog entlang meiner selbst kreiierten Luftstrassen um das vorgegebene Ziel zu erreichen. Als Linienpilot auf Routen zu entfernten Orten rund um den Globus verbargen Wolken oder der nächtlichen Schleier diese irdischen Wegweiser und erforderte eine etwas andere Art der Navigation.
Beinahe hundert Jahr ist es her, als der ersten Luftpostflug über die beiden amerikanischen Metropolen New York und San Francisco miteinander verband. Um die Piloten bei der Wegfindung zu unterstützen wurden Hunderte von Leuchtfeuern auf Berggipfeln platziert. Wie zu alten Zeiten zeichneten diese Wächter die Pfade ans Firmament und ebneten so den Weg für die Luftpioniere. Mit der Zeit wich Feuer und Licht dem subtileren Summen von Funkfeuern (NDB, VOR), die ihre Position (Peilung und Entfernung) sich auf dem weiterentwickelten Instrumenten im Cockpit darstellen liessen. Diese bodengestützten Navigationshilfen sind jedoch wartungsintensiv und benötigen vor allem eines: Festen Boden unter sich. Etwas, dass sie für entlegenen Gebieten oder den Weltmeeren weniger praktikabel macht. Vor der Erfindung de Satelittennavigation mittels GPS wurden Trägheitsnavigationssysteme (INS) und ein Langstreckenfunknavigationssystem (LORAN) entwickelt. Sie ermöglichten einen Quantensprung bei der sicheren und präzisen Überquerung unwirtlicher Gebiete. Heutzutage verlassen wir Piloten uns stark auf satellitengestützte Navigationssysteme. Das GPS bietet dank seiner präzisen Positionsbestimmung eine äusserst genaue Navigation. Dies selbst in Abwesenheit jeglicher bodengestützter Navigationshilfen. So haben sich die einst leuchtenden Leuchtfeuer in kryptische Fünf-Buchstaben-Wegpunkte verwandelt - Koordinaten als eine Abmachung der Fliegergemeinschaftie und unsichtbar in die Luft eingraviert. Entlng ihnen bilden sich die heutigen Luftstrassen. Dabei durchkreuzen sie unsichtbar die Kontinente dieser Erde und verbinden die pulsierenden Herzen ihrer Metropolen.

Kommunikation in abgelegenen Regionen

Da die kürzesten Wege nicht selten über die entlegenen Regionen mit ihren surrealen Landschaften führen, werden ihre wenigen Luftstrassen zu bestimmten Zeiten dicht frequentiert. Genauso wie bei die Navigation unterliegt auch die Kommunikation den Grenzen der Physik. Während wir normalerweise über Kurzwellenradio (VHF) kommunizieren, erfordern entlegene Regionen von uns eine Kombination aus Langwellen- und Textkommunikation. Dabei sind das Hochfrequenzradio (HF) und das CPDLC (Controller-Pilot Data Link Communications) die modernen Blechdosen, die uns mit der Aussenwelt verbinden. HF-Radio ermöglicht es uns, in entlegenen Gebieten mit der Flugsicherung über Funk zu kommunizieren, selbst wenn sich unser gegenüber Hunderte von Meilen entfernt befindet. Das sogenannte "CPDLC" erleichtert andererseits die text-gebundene Kommunikation zwischen Piloten und Fluglotsen, wodurch unsere Arbeitsbelastung reduziert wird und ein reibungsloser Austausch wesentlicher Informationen gewährleistet ist. Da in entlegenen Regionen die Kurzstreckenradios nutzlos werden, um mit der Flugsicherung zu kommunizieren, verwenden wir sie für die Kommunikation untereinander, also zwischen Flugzeugen. Dies fügt eine weitere Ebene der Zusammenarbeit und Sicherheit hinzu,  da es uns ermöglicht in der Abgeschiedenheit dieser Gebiete  miteinander Informationen, Erkenntnisse und Beobachtungen zu teilen und so das Situationsbewusstsein zu verbessern. Diese Pilot-to-Pilot-Kommunikation fördert aber auch das Gefühl der Kameradschaft unter den Luftkutschern, die den anspruchsvollen Luftraum über der Sahara durchfliegen.

 

Im Cockpit

Um einen reibungslose und sichere Durchquerung der entlegensten Regionen dieser Erde zu gewährleisten beschäftigen uns im Cockpit, nebst der Navigation, eine Vielzahl Aufgaben. Dabei sind die kontinuierliche Überwachung der Flugzeugsysteme, der Wetterbedingungen und der Navigationsinstrumente ist von höchster Bedeutung. Sich ständig verändernde Bedingungen erfordert nicht nur unsere kontinuierliche Aufmerksamkeit sondern auch einen fortwährenden Plan B. Nicht selten gilt es unseren Flugweg oder etwa die Flughöhe anzupassen um etwa ein Schlechtwettergebiet oder eine Turbulenzzone zum umfliegen.

Weiter versuchen wir mit vorausschauende Entscheidungsfindung die Flugzeit und damit den Kraftstoffverbrauch zu optimieren. Während man also als Passagier hoch über die unwirkliche Wüstenlandschaft gleitet, wird das Cockpit zu einem Kommandozentrum, in dem jede Entscheidung berechnet und jede Handlung akribisch ausgeführt wird.

Über das Bild

Das Titelbild meines 2024er-Fotokalenders mit dem Titel "Sailing above Sand" ist eine Hommage an die Synergie zwischen pilotischem Könnenk und technologischen Wundern. Das Navigieren durch entlegene Gebiete erfordert von uns Piloten eine harmonische Mischung aus präziser Navigation, effektiver Kommunikation und aufmerksamem Überwachen.

 

Aufgenommen mit einer Sony 7S + 24-105mm F4 G SSM @24mm, ISO125, f/5.6, 1/320sec


Über "Behind the Image"

In meinem Fotokalender "Up in the Sky" gewähre ich faszinierende Einblicke in meinen Alltag als Linienpilot. Diese Blogserie ergänzt den Fotokalender und erzählt die Geschichte hinter dem Moment, in dem das Bild aufgenommen wurde. Zudem bietet sie Hintergrundinformationen darüber, was sich im Cockpit ereignet hat und wie das Bild entstanden ist.

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